Jenseitstheorien
von Pessimist
Sein oder Nichtsein?


Sein oder Nichtsein?


Im berühmtesten dramatischen Monolog aller Zeiten stellt Shakespeare's Hamlet die Frage aller Fragen und gibt darauf m.E. gleich die beste Antwort: sicher wäre das Nichtsein dem Sein vorzuziehen, denn Letzteres ist eine einzige leidvolle Zumutung – aber ob Suizid wirklich zum Nichtsein führt oder das Drama sogar noch verschlimmert, wissen wir nicht; im Tod stehen Träume zu befürchten, so dass auch Unglückliche möglichst lange am Leben bleiben wollen.

Vier im Folgenden verwendete Fachbegriffe: laut philosophischem Optimismus ist das Sein gut i.S.v. besser als das Nichtsein; laut philosophischem Pessimismus ist das Sein schlecht i.S.v. schlechter als das Nichtsein; laut ontologischem Idealismus liegt allem unendliches Bewusstsein zugrunde bzw. ist alles mental, die materielle Welt nur endliche Illusion sinnlicher Wahrnehmung; laut ontologischem Materialismus liegt allem bewusstlose Materie zugrunde, in die alles Bewusste bald wieder zerfällt.

(Unterschied zum landläufigen Optimismus und Pessimismus bzw. Idealismus und Materialismus – diese sind zwar nichts ganz und gar anderes, aber doch etwas weitgehend anderes: laut landläufigem Optimismus entwickelt sich alles zum Guten bzw. geht alles gut aus; laut landläufigem Pessimismus entwickelt sich alles zum Schlechten bzw. geht alles schlecht aus; laut landläufigem Idealismus gilt es, nach ideellen Gütern zu streben; laut landläufigem Materialismus gilt es, nach materiellen Gütern zu streben.)

Besagter Monolog steht also für die Kombination von philosophischem Pessimismus und ontologischem Idealismus. Bevor ich auf diese Haltung eingehe, welche ich selber teile, grenze ich sie ab gegen die drei anderen möglichen Kombinationen von philosophischem Optimismus bzw. Pessimismus und ontologischem Idealismus bzw. Materialismus. Es folgt eine Betrachtung der Moral, mein Ranking der vier Kombinationen bzgl. Attraktivität und Plausibilität, schließlich die Reduktion Wissen –> Glaube –> Hoffnung.


i) Unendliches Glück: philosophischer Optimismus plus ontologischer Idealismus


Man kann es sich m.E. nicht selber aussuchen, was einem weltanschaulich glaubhaft erscheint und was nicht – schon eher, ob man sich über das einem selber glaubhaft Erscheinende belügt oder nicht. Am wohlsten fühlen sich sicherlich diejenigen, welche i.a. ehrlich froh sind über ihr Dasein, und dann auch noch darauf vertrauen können, dass ihnen dieses Dasein nie wieder genommen wird.

Spirituelle etwa, wie die meisten Nahtoderfahrenen, denen ich begegnet bin, scheinen unter diese Kategorie zu fallen – seit ihrem mystischen Erlebnis fühlen sie sich gewissermaßen in der "geistigen Welt" geborgen. Bei den Religiösen hingegen scheint es mir eher eine Willensanstrengung zu sein, an den gerechten Gott und sein himmlisches Jenseits zu glauben, welche mal mehr gelingt und meistens weniger – Letzteres m.E. abzulesen an einem unpassenden Mangel von Begeisterung und Vorfreude.


ii) Endliches Glück: philosophischer Optimismus plus ontologischer Materialismus


Der moderne Mainstream ist heute angeblich ehrlich froh über das eigene Dasein, kann oder will aber angesichts wissenschaftlicher erwiesener Tatsachen nicht an ein Dasein über den Tod hinaus glauben. Eine Lebensqualität, die so weit abgenommen hat, dass der Tod herbeigewünscht wird, stellt für diese Gruppe eine Ausnahme dar, die v.a. im Endstadium schwerer Krankheiten auftritt.

Unglück im Glück: im Gegensatz zum philosophischen Optimismus von i) ist hier im philosophischen Optimismus von ii) etwas vorhanden, das evt. auch schon zum philosophischen Pessimismus von iii) und iv) gerechnet werden kann, nämlich die Melancholie bis Depressivität ob der Vergänglichkeit von allem – das bewusste Dasein wird als gut gewertet, aber seine Endlichkeit als Übel beklagt, welches evt. ein notwendiges sei, z.B. weil das Dasein erst dadurch seinen Wert bekomme.


iii) Endliches Unglück: philosophischer Pessimismus plus ontologischer Materialismus

Bekennende philosophische Pessimisten, die es klug statt krank finden, das Dasein für schlecht zu halten bzw. abzulehnen, scheinen eine Seltenheit zu sein. In Kombination mit einer materialistischen Einstellung ergibt sich hier evt. die größte Suizidneigung. Trotzdem eine kleine Sammlung von Argumenten fürs Weiterleben als philosophischer Pessimist und ontologischer Materialist:

- altruistisches Weiterleben für die anderen; jeder Suizid reißt ein gewaltiges Loch in die menschliche Gemeinschaft, auch wenn sich der Suizidale bzw. Suizident die weitreichende Auswirkungen evt. nicht vorstellen kann oder mag

- auch kappt ein Suizid eine große Anzahl an eigenen Präferenzen, also an Projekten mitten in ihrem sorgfältig geplanten Ablauf; der Natur scheint es egal zu sein, was sie mit einem Tod alles zerstört, uns sollte es nicht egal sein

- Menschen mit lebensverneinender und materialistischer Philosophie können sich für den Antinatalismus engagieren, um anderen das Geborenwerden i.S.v. Bewusstwerden zu ersparen; Ziel ist dann das sanfte Aussterben allen Lebens

- Respekt vor der Schwierigkeit eines im medizinischen Sinne "gelungenen" Suizids, also sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich umzubringen; das Leben wehrt sich mit evt. ungeahnten Kräften

- die Psychotherapie versucht in erster Linie, aus Pessimisten Optimisten zu machen; eine ungewöhnliche Alternative, für die ich eine vorsichtige Empfehlung auspreche: ontologischen Idealismus prüfen, siehe iv), v) und vi)

Glück im Unglück: im Gegensatz zum philosophischen Pessimismus von iv) ist hier im philosophischen Pessimismus von iii) etwas vorhanden, das evt. auch noch zum philosophischen Optimismus von i) und ii) gerechnet werden kann, nämlich das Vertrauen in die Vergänglichkeit von allem – das bewusste Dasein wird als schlecht gewertet, aber seine Endlichkeit als erlösend begrüßt; es liege ein ultimativer Trost darin, dass alles irgendwann ein Ende habe.


iv) Unendliches Unglück: philosophischer Pessimismus plus ontologischer Idealismus


Bekennender philosophischer Pessimismus in Kombination mit ontologischem Idealismus ist m.E. wieder sehr viel weniger suizidgefährdend als iii), dafür aber vielleicht der Verzweiflung am nächsten, denn ein schlechtes UND unendliches Dasein ist ja wohl das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Hätten wir Menschen keine Ideale wie Moral und Wahrheit erdacht, die uns Orientierung geben können, wären wir wirklich verloren.

Trost in dieser schier ausweglosen Situation ist mir ein Philosoph wie Schopenhauer, der auch unter der Annahme einer Natur jenseits von Vernunft und Moral und einer unweigerlichen Rückkehr zu dieser Natur im Tod trotzdem die Ruhe bewahrt und lieber darüber nachdenkt, wie die unablässige Selbsterregung des blinden Willens denn zu hemmen sei. Östliche Askese bzw. Quietismus steht hier gegen westliches Achievement bzw. Aktionismus.


v) Zum Thema Moral

Was soll das heißen: der Pessimist hält das Sein für schlechter als das Nichtsein? Einerseits heißt es, dass das Sein, solange man nicht zum Nachteil von anderen nach seinem eigenen Vorteil strebt, ein unangenehmes in ständiger leidvoller Notwehr ist. Andererseits heißt es, dass wenn man sich absichtlich weit genug über die reine Notwehr hinaus in den Vorteil setzt und damit böse handelt, um es sich auf Kosten anderer "gutgehen zu lassen", das Sein erst recht ein schlechtes ist. Ein gutes i.S.v. angenehmes UND moralisch korrektes Sein ist i.a. schlicht unmöglich.

Wer mit der Erkenntnis, dass nur der Skrupellose sich und den Seinen das Dasein angenehm gestalten kann bzw. dass gutes Sein wie Nichtsein leider Ideale bleiben, nichtsdestotrotz nach diesen Idealen strebt und sich damit gegen die Natur i.S.v. Prinzip des Seins stellt, der ist ein Held; zwangsläufig ein trauriger Held, ein mit der Welt verkrachter Held, ein passiver Held, der überall nur auf Unverständnis stößt. Aber einer, der sich mit dieser Aufgabe den Suizid gründlich aus dem Kopf schlagen kann, auch wenn er das Sein jederzeit mit Freuden gegen das endgültige Nichtsein eintauschen würde.

Shakespeare's Drama zeigt, was passiert, wenn der moralische Ausgleich für eine böse Tat aktionistisch erzwungen werden soll – Hamlet wäre m.E. besser ein Zögerer geblieben, der schwerpunktmäßig denkt statt handelt. Wir können m.E. weder auf die Gerechtigkeit Gottes zählen noch auf die natürliche Endlichkeit allen Bewusstseins. Die universelle Moral entsteht m.E. aus unserer Willensverneinung angesichts des blinden Willens der Natur. Der reflektierende Mensch kann nur hoffen, dass sein Denken der unreflektierten Natur Anlass zur Läuterung gibt, zur Aufhebung ihrer selbst.


vi) Zwei Rankings

Am attraktivsten ist die Position i) und am wenigsten attraktiv die Position iv). Ich sehe jedoch außer dem Ranking nach Attraktivität auch noch das Ranking nach Plausibilität, und da wiederum steht die Kombination Pessimismus plus Idealismus für mich an erster Stelle. Es wäre zwar angenehmer, wenigstens mit dem eigenen Leiden kurzen Prozess machen zu können oder das endliche oder sogar das unendliche Dasein genießen zu können, aber trotzdem kommt da in mir kein echter Neid auf, da ich Position iv) nun einmal für die illusionsloseste halte, und das ist für mich ausschlaggebend.

Vom unendlichen Unglück auszugehen – könnte sein, dass mir die Höllendrohung meiner christlichen Erziehung das eingebrockt hat, besonders wirksam nach einer (allerdings himmlischen) Nahtoderfahrung im Alter von drei Jahren durch einen Ertrinkungsunfall. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto naiver scheint mir die Annahme der Menschen, das Sein sei etwas Gutes oder ginge wenigstens vorbei. Sicherlich wäre es schön, wenn die Optimisten recht hätten, oder wenigstens die Materialisten. Aber ist dem auch wirklich so? Da scheint mir doch der Wunsch Vater des Gedankens.


vii) Wissen –> Glaube –> Hoffnung

Was im Tod aus uns wird, können wir nicht mit Sicherheit wissen i.S.v. mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen – die Wissenschaft kann nämlich gemäß gängiger Wissenschaftstheorie keine verifizierbaren Modelle liefern, sondern nur falsifizierbare Modelle. Darüber hinaus wird m.E. zu Recht deren annähernde Wahrheit bezweifelt, die sog. pessimistische Induktion schließt aus der Falsifikation all der einst für annähernd wahr gehaltenen Modelle, dass wir heute ebenfalls keinen Grund zum Erkenntnisoptimismus haben.

Auch mit dem Glauben an ein konkretes Jenseitsmodell, dessen Wahrscheinlichkeit wenigstens über fünfzig Prozent liegt, kann ich nicht aufwarten. Selbst das mir von allen aktuell plausibelste – Wiederaufgehen im Mind at Large nach Bernardo Kastrup – würde ich für mehr falsch als richtig halten, wenn ich darauf wetten müsste. Trotzdem ist mir mein Ranking der Jenseitsmodelle nach Plausibilität und Attraktivität zeitlebens die wichtigste Denkaufgabe gewesen, auch wenn mir kein Modell mehr die Fünfzigprozentmarke zu erreichen scheint.

Andererseits gehöre ich auch nicht zu den absoluten Erkenntnisskeptikern bis militanten Agnostikern oder den Rationalismus-aversen Mystikern, die es von vornherein als sinnlos erachten, über Jenseitsmodelle nachzudenken, weil Metaphysisches entweder inexistent oder dem Denken unzugänglich sei – mir gefällt die Paradoxie nicht, angeblich definitiv über das Nichtwissen Bescheid zu wissen, erst recht nicht, wenn daraus abgeleitet werden soll, konkrete Jenseitsmodelle seien definitiv falsch, also dass es garantiert ganz anders komme als vermutet.

Ohne Wissen und Glaube bleibt nur die Hoffnung. Auch als philosophischer Pessimist hoffe ich inständig, dass das Sein ein gutes oder wenigstens ein endliches sei. So gering die realen Wahrscheinlichkeiten dafür sein mögen – als Ideale zur Orientierung sind mir jene beiden Eventualitäten unentbehrlich. Gerade Pessimisten sagen oft, Hoffnung mache alles nur noch schlimmer, aber wer die Hoffnung aufgibt, braucht m.E. moralische Kaltschnäuzigkeit oder vermeintliches Wissen bzw. unbewussten Glauben bzgl. der Erlösung von unerträglichem Leid.


online gestellt am 27.06.2026, zuletzt editiert am 15.07.2026


was zuvor hier stand, steht nun hier